"16,27m/s" Wege über den Semmering
2014

Eine Ausstellung von Christiane Feuerstein und Michael Goldgruber im kunsthaus muerz
18. September bis 16. November 2014

Die Region rund um den Semmering wird seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Eisenbahn geprägt. Die bautechnische Pionierleistung der Gebirgsbahn, deren Streckenführung ein neues, ästhetisiertes Landschaftserlebnis ermöglichte, wurde gemeinsam mit der sie umgebenden Kulturlandschaft 1998 in die Liste des
UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Baudenkmäler, Kulturlandschaften, aber auch immaterielles Kulturerbe und alltagskulturelle Zeugnisse können Orten im Strukturwandel Impulse für eine nachhaltige Regionalentwicklung geben. Die gestalterische Prägnanz historischer Bausubstanz vermag Transformationsprozesse zu unterstützen und zu einer positiven Image- und Identitätsbildung beizutragen.

Am Semmering und im Mürztal gehen die Wurzeln der Region, ihre „roots“, auf eine „road“, einen alten, 1728 zur Hauptkommerzialstraße ausgebauten, Handelsweg zurück. Räumliche Entfernungen – Fuhrwerke und Postkutschen waren selten – waren als Grenze physischer Leistungsfähigkeit, als körperliche Ermüdung, ebenso unmittelbar sinnlich erfahrbar, wie die Beschaffenheit des Weges oder das Wetter. Mit dem unerschöpflichen Antrieb der Dampfkraft geht diese Art der sinnlichen Anschauung im Alltag verloren und ein Mehrfaches der alten Entfernung kann in derselben Zeit zurückgelegt werden. Die Eisenbahn verkürzt aber nicht nur die Reisezeit, sondern ersetzt auch die bis dahin üblichen individuellen, lokalen, sich am Sonnenstand orientierenden Zeitrechnungen durch eine einheitliche, überregionale Zeiteinteilung und geht damit Hand in Hand mit einer „Standardisierung“ von Raum und Zeit. Die veränderte Relation von geographischer Entfernung und dem zur Distanzüberwindung erforderlichen Zeitaufwand lässt bis dahin weit voneinander entfernt liegende Orte „näher zusammen rücken“. Die technische Beschleunigung und ein sich ständig weiter ausdehnendes Streckennetz erschließen geographisch neue Räume, die bis dahin kaum verfügbar waren.

Mit dem Ausbau des Schienennetzes und dem zunehmenden Betrieb der Eisenbahnen verschwanden Berufe wie Postmeister oder Kutscher. Parallel dazu entstanden neue Berufsbilder, wie Lokomotivführer und -heizer, Fahrkartenkontrolleure, Bahnaufseher, Wagenmeister, und andere. Heute ermöglicht die sich seit damals immer stärker ausdifferenzierende Arbeitsteilung und Spezialisierung eine weltweite Organisation arbeitsteiliger Prozesse. Mit der Digitalisierung, die rasche Interaktionen über große geographische Distanzen hinweg zulässt, erhielt dieser sich ständig beschleunigende Prozess neue Schubkraft.

Doch wurde in den letzten Jahrzehnten nicht nur der physische Transport von Personen, Waren und Kapital optimiert, sondern auch die virtuelle Präsenz von Daten und Informationen. Innovationen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien verändern heute ähnlich tiefgreifend wie einst die Eisenbahn unsere Lebensgewohnheiten und alltägliche Wahrnehmung.

Die Ausstellung erzeugt mit einer Installation aus Videos, Fotografien, Sounds und Informationen zur Entwicklungsgeschichte der Region ein atmosphärisches Stimmungsbild. Die Videos und Bilder von Michael Goldgruber, dessen Arbeiten durch einen besonderen Bezug zur Landschaft geprägt sind, gehen unterschiedlichen Wegen über den Semmering nach. Die für diese Ausstellung entstandenen Arbeiten vergrößern oder verkleinern charakteristische Elemente und finden einen neuen Rahmen für vertraute Blicke.
Ausstellungsansicht 2014 • © Michael Goldgruber
Ausstellungsansicht 2014 • © Michael Goldgruber
Ausstellungsansicht 2014 • © Michael Goldgruber
Ausstellungsansicht 2014 • © Michael Goldgruber
Ausstellungsansicht 2014 • © Michael Goldgruber
Ausstellungsansicht 2014 • © Michael Goldgruber
Ausstellungsansicht 2014 • © Michael Goldgruber